Tanztheaterprojekt "Moving through space"

Tanzen verbindet Frauen und Männer, Kinder und Erwachsene – Menschen unterschiedlichster sozialer und gesellschaftlicher Herkunft.

Neun Mädchen in verschiedenen Lebenssituationen verbindet seit Oktober 2010 das Tanztheaterprojekt Moving through space. Sie unterscheiden sich in ihrem schulischen Werdegang und in ihren Zukunftsvorstellungen, aber ihre Neugier auf neue intensive Tanzerfahrungen führt sie in diesem Projekt zusammen. Durch gemeinsames Tanzen werden bestehende Grenzen überwunden, Unterschiede verlieren an Bedeutung, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wird gefördert. Moving through space zeigt, wie mit tänzerischen Bewegungen Raum erschlossen werden kann – stehend, sitzend, am Boden liegend. Vier Musiktitel führen die Tänzerinnen durch einen Entwicklungsprozess: Zu Beginn bestimmen menschliche Kälte, Distanz und Ablehnung die Szenerie, bevor durch Berühren und Ausweichen neue Ordnungen geschaffen werden. Raumgreifende dynamische Bewegungen lockern die Stimmung auf und münden schließlich in einem harmonischen und begeisternden Miteinander.

Das Projekt, initiiert durch die mobile Jugendarbeit Moby Sports und gefördert vom Bielefelder Jugendring, wird von dem Choreografen und ehemaligen Ballettdirektor des Bielefelder Theaters Philip Lansdale geleitet. Mit ihrer 30-minütigen Aufführung bildet die Gruppe den ersten Teil des „verbindenden“ Tanzabends. Der zweite Teil wird von ungefähr 100 Tänzerinnen und Tänzern des TC Linon gestaltet.

Flyer Tanzen verbindet (pdf) Plakat Tanzen verbindet (pdf)

Westfalen Blatt am 23.02.2011 (pdf)

Gespräch zwischen der Moderatorin des Abends Isabelle von Moeller und der Initiatorin des Projekts Viktoria Seele

Viktoria, warum hast du dieses Projekt ins Leben gerufen?

In der Tanzszene ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass die Anzahl an Tanzprojekten mit Laientänzern, also Menschen mit wenig bis keiner Tanzerfahrung, stetig ansteigt. diese Menschen lernen ihren Körper auf eine Weise kennen, die ihnen bislang vielleicht verborgen geblieben ist. Sie machen einzigartige individuelle Körpererfahrungen, erleben das nonverbale Kommunizieren durch den Körper in der Gruppe. Diese Projekte werden häufig von Tänzern oder Choreographen durchgeführt, so dass ein professionelles Arbeiten möglich ist. Schließlich gibt es dann meistens eine große Aufführung, um anderen das Erlebte zeigen zu können. Ich selbst hab letzten Sommer an solch einem Projekt vom Bielefelder Theater teilgenommen und mich packte der Ehrgeiz, auch ein solches Projekt auf die Beine zu stellen. Da kam es ganz gelegen, dass ich diesen Monat mein 5. Semester der Erziehungswissenschaft und Psychologie abgeschlossen habe und Ausschau nach einem Thema für meine Bachelorarbeit gehalten habe. Auf diese Art kann ich zwei spannende Aspekte miteinander verknüpfen und das Tanzprojekt wissenschaftlich begleiten und auswerten. Insgesamt wurden zwei Fragebögen verteilt und ein Tanztagebuch geschrieben.

Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Es war unglaublich interessant, wie sehr sich unsere 9 Mädchen über den Zeitraum von gut 4 Monaten entwickelt haben. Und das meine ich nicht nur auf die Körperhaltung oder die Tanztechnik bezogen, sondern auch auf ihre Persönlichkeit. Schwierig war es, Schulen zu finden, die sich für mein Projekt interessierten, so dass es schließlich zwei beteiligte Schulen waren, deren Mädchen zu uns kamen. Dadurch ist die Gruppe von Anfang an sehr homogen gewesen, was uns es die Möglichkeit gab, eine sehr anspruchsvolle Choreographie zu vermitteln, da die Mädchen kaum damit beschäftigt waren, sich in die Gruppe zu integrieren. Sie haben wirklich diszipliniert gearbeitet und Großes geleistet.

Was erwartet uns bei der Aufführung?

Zunächst ist jedes Mädchen auf sich allein gestellt. Kälte bestimmt die Szenerie. Die Mädchen mustern sich geringschätzig. Dann finden sie zusammen. Durch Berühren und das Einnehmen des Platzes der Anderen werden neue Strukturen geschaffen. Schließlich befinden sich die Mädchen in einem gelösten Miteinander. Doch am Ende ist ein Mädchen wieder losgelöst von der Gruppe. Sie steht dafür, dass wir uns zwar in der Regel in einer Gruppe befinden, jedes Individuum jedoch letztendlich auf sich allein gestellt ist.

Was hat Dich motiviert, dieses Projekt zu organisieren? Welches große Ziel steckt dahinter?

Jugendlichen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten wird der Tanz als Kunstform näher gebracht. Beim Tanzen wird nicht nur der Körper gefordert, sondern Tanz impliziert auch einen hohen kreativen und kognitiven Anspruch. Weiterhin fördert Tanzen kooperative Fähigkeiten, denn die Interaktion findet in der Gruppe statt. Die Tanzenden müssen sich mit großem Feingefühl auf die anderen Gruppenmitglieder einlassen und gleichzeitig ihren individuellen körperlichen Ausdruck finden. Dies stellt auch hohe Anforderungen an die Kommunikation, die beim Tanz vorrangig über den Körper läuft.

Das Tanzprojekt soll Jugendlichen aus sozial schwachen Verhältnissen ohne große finanzielle Ressourcen kulturelle Anregung bieten. Die Gymnasiasten sollen einen bewegten Ausgleich zu ihrem immer mehr von Druck geprägten Schulalltag erleben. Insgesamt soll sich die Konzentrations- und Denkfähigkeit der Schüler/-innen durch ästhetische Bildung verbessern.

Während und nach einem gemeinsamen Tanzerlebnis ist die Stimmung häufig gelöster als zuvor. Bei diesem Tanzprojekt treffen Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund aufeinander. Ziel ist es, eine „getanzte Integration“ zu erreichen, die auf allen Seiten Aufgeschlossenheit und Toleranz fordert und Vorurteile abbauen soll. Darüber hinaus werden die Sozialkompetenzen der Schüler/-innen weiter gebildet und Lust auf Tanz und Bewegung gefördert.

Eine tanzende Teilnehmerin schreibt …

… das Tanztheaterprojekt "Moving through space" war für uns eine schöne, aber ebenso anstrengende Zeit, in der wir Eindrücke und Erfahrungen gesammelt haben. Bewusst ist uns geworden, dass das Tanzen nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt wird, besonders nicht, wenn eine Choreografie mit ganz vielen Feinheiten verbunden ist und jeder feststellen musste, dass regelmäßiges Training und Unterstützung der Tanzlehrer notwendig ist, um unser Ziel zu erreichen. Auch wenn man zwischendurch verzweifelte, stellte man bald fest, dass man sich doch noch steigern kann, so machte das Tanzen noch viel mehr Spaß und der Ehrgeiz wuchs. Beeindruckend war für uns, wie man mit tänzerischen Bewegungen so viel ausdrücken kann, wie menschliche Kälte, Distanz und Ablehnung sowie ein harmonisches und begeisterndes Miteinander. Trotz der Vorfreude waren wir am Tag der Aufführung ziemlich aufgeregt und die Generalprobe lief nicht besonders gut, also schlug unser Herz noch heftiger. Aber unser wochenlanges Training und die moralische Hilfe von Viktoria und Philip ließen uns die Aufführung einwandfrei und mit Freude über die Bühne bringen. Das Projekt werden wir immer in schöner Erinnerung behalten. Besonders danken wir Viktoria Seele und Philip Lansdale für die schöne Zeit.

„Der Mensch auf der Bühne ist zum Ereignis geworden“ Oskar Schlemmer

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